Diese Kohlmeisennestlinge hätten ohne Hilfe keine Chance.

Jungtierzeit bei Wildtieren: Nicht jedes benötigt Hilfe

"Stopp – nicht anfassen!“ Die Veterinäre der Kreisverwaltung Mayen-koblenz weisen darauf hin, dass nicht jedes „gefundene“ Jungtier Hilfe benötigt. „Jungtiere haben noch keine Scheu vor uns Menschen, trotzdem sollte man die Tiere nicht grundlos anfassen oder gar mitnehmen“, erklärt Kreisveterinär Dr. Rudolf Schneider. Die beste Aufzucht sei immer die natürliche Aufzucht durch die Elterntiere. „Verwaiste Jungtiere haben in der freien Natur ohne Hilfe keine Chance zu überleben.“ Doch wie kann man feststellen, ob ein junges Wildtier wirklich Hilfe benötigt?

Schneider unterscheidet zwischen Säugetieren und jungen Vögeln. „Wenn ein junger Fuchs, ein junger Marder oder auch ein kleiner Igel in einem Alter, in dem sie eigentlich noch im Nest oder der Höhle sitzen sollten, alleine durch den Wald oder die Wiesen irrt, ist dem Muttertier höchstwahrscheinlich etwas passiert, denn diese Jungtiere verlassen ihre Nester bzw. Höhlen in den ersten Lebenswochen nur, wenn sie es vor Hunger nicht mehr aushalten“, so der Veterinär.  Igelbabys laufen dann beispielsweise schreiend über eine Wiese, obwohl sie noch nicht wirklich etwas sehen können.

Ganz anders verhält sich dies beispielsweise bei jungen Feldhasen oder Rehkitzen. Sie werden kurz nach der Geburt schon von Ihren Müttern alleine gelassen und das Muttertier besucht sie nur zum Füttern. Diese Jungtiere verbringen viel Zeit alleine. „Wenn wir Menschen ein Rehkitz entdecken, dass alleine am Waldrand oder auf einer Wiese liegt, so ist es am besten, sich möglichst schnell von diesem Ort zu entfernen, denn sonst kann das Muttertier sein Junges nicht versorgen.“ Rehe sind sehr scheu, daher wird sich die Ricke aus Angst vor uns Menschen nicht in die Nähe ihres Kitzes trauen, wenn sie Menschen bemerkt. „Neugeborene Rehkitze müssen alle halbe Stunde bis Stunde von der Mutter versorgt werden, so dass es durchaus passieren kann, dass wir ein Kitz in Not bringen, nur weil wir es beobachten.“

Hilfe durch den Menschen ist dann angesagt, wenn das Jungtier verletzt am Straßenrand liegt oder das Muttertier tot neben seinem Nachwuchs aufgefunden wird. Was ist dann zu tun? „Bei jagdbarem Wild, wie Fuchs, Reh, Mufflon, Wildschwein usw. sollte umgehend die zuständige Polizeidienststelle angerufen werden, die den zuständigen Jagdpächter informiert oder weitere notwendigen Maßnahmen ergreift.“

Immer wieder ein Thema sind auch gefundene Jungvögel. Häufig wird dann die Wildvogel-Pflegestation Kirchwald kontaktiert. Deren Leiterin, Dr. Anja Baronetzky-Mercier, unterscheidet zwischen Nestflüchtern und Nesthockern. „Als Nestflüchter bezeichnet man die Vogelarten, deren Küken kurz nach dem Schlüpfen zusammen mit dem Muttertier das Nest verlassen und von der Mutter zum Futter geführt werden. Dazu gehören zum Beispiel die Stockenten oder auch die Schwäne. Wird so ein Vogelküken alleine aufgefunden, ohne ein Muttertier in der Nähe, dann braucht der Jungvogel immer Hilfe“, so die Expertin.

Das gleiche gilt für junge Nesthocker: „Sie bleiben im Nest, bis sie soweit befiedert sind, dass sie flattern können. Wird also ein noch wenig befiedertes Vogelküken auf dem Boden gefunden,  so wird es ohne unsere Hilfe nicht überleben.“ Manchmal stürzen auch gleich die ganzen Nester ab, oder ein Nistkasten fällt vom Baum. Diese Tiere benötigen selbstverständlich Hilfe.

Wenn Jungvögel langsam aus dem Nestlingsalter herauswachsen, erscheinen ihre ersten Flugversuche meist sehr unbeholfen.  Sie sind in dem Alter noch nicht in der Lage, vor Feinden zu flüchten und können sich auch noch nicht alleine versorgen: „Dies bedeutet, dass sie weiterhin von den Elterntieren zur Fütterung angeflogen werden. Sie haben noch keine Scheu vor Menschen, so dass es leider sehr häufig passiert, dass die jungen Vögel unnötigerweise eingesammelt werden, obwohl sie eigentlich bestens versorgt sind.“

Ausnahmen gibt es auch, sagt Baronetzky-Mercier: „Wenn ein Jungvogel auf dem Boden sitzt und eine Katze schleicht schon um ihn herum, so ist es besser ihn zu retten. Sitzt er an einer gefährlichen Straße, sollte er möglichst in ein schützendes Gebüsch gesetzt werden.“ Der Abstand zwischen Fundort und dem „sicheren“ Ort sollte nicht weiter als 20 Meter sein, dann werden die Elternvögel ihren rufenden Nachwuchs hören und weiterhin versorgen. Leider verlieren auch Jungvögel im Ästlingsalter schon mal ihre Eltern. Singvögel füttern ihre Jungen in der Regel alle halbe Stunde bis Stunde: „Sitzt ein rufender Ästling auf dem Boden und nach einer Stunde erscheint immer noch kein Elternvogel, bedeutet das, dass auch dieser Vogel Hilfe benötigt.“